Grenzstein oder Denkmal?
Weidenhain (Torgauer Zeitung vom 25.04.2008).
Drei Kilometer von Weidenhain in westlicher Richtung
entfernt steht wenige Schritte von der
Bundesstraße 183 auf der linken Seite im Wald, gut
zwei Meter vor der ehemaligen Grenze des kurfürstlichen
Waldes und der damals seit 1479 der Stadt Torgau
gehörenden Holzmark Pretzschau, eine 2,50 Meter hohe
Sandsteinsäule. Im Oberteil sind das kursächsische
Wappen mit der Jahreszahl 1562, das Zeichen der Stadt
Torgau und auf der vorderen Seite ein den Baum
erklimmender Bär in den Sandstein eingehauen. Anlässlich
der 400-jährigen Wiederkehr eines angeblichen
Jagdabenteuers mit einem Bären wurde die schadhafte
Säule (zwei Geschosseinschläge) am 4. Juni 1962
zur Restaurierung vom Sockel gehoben und am Vorabend
zum Jahrestag der DDR, am 6. Oktober 1962, in feierlicher
Form enthüllt. Dieser Anlass war auch die Geburtsstunde
des Wettkampfes der Mannschaften der Jagdgesellschaften
des Kreises Torgau um den Pokal der "Bärensäule".
Von Generation zu Generation wurde die Geschichte
der Bärensäule weitergegeben. Eine erste
Veröffentlichung darüber ist aus dem Jahr 1863
bekannt. Der damalige Direktor des Dresdner Archivs
für Sächsische Geschichte schildert das Jagdabenteuer,
wonach Kurfürst August vor einem angeschossenen
Bären auf einen Baum flüchten musste. Rechtzeitig
sei aber der Weidenhainer Förster Thomas Meißner
herbeigeeilt und habe mit einem tödlichen Schuss
auf den Bären seinem Landesherren das Leben gerettet.
Zum Andenken an seine Rettung habe der Kurfürst
die Säule setzen lassen. Der Archivdirektor schreibt
weiter, man habe sich vergeblich bemüht, etwas
Urkundliches über dieses Ereignis aufzufinden.
Historisch ist begründet, dass Kurfürst August oft
im Wald bei Weidenhain zur Jagd weilte, Thomas Meißner
im Jahr 1562 Förster in Weidenhain war. Den Grabstein
des Försters finden wir in der Weidenhainer Kirche.
Thomas Meißner starb am 16. August 1607. Es ist jedoch
nicht erwiesen, ob er in der Kirche beigesetzt wurde.
Vor Jahrzehnten bemühten sich zwei Heimatforscher,
der Lehrer Max Küstner aus Trossin und Studienrätin
Agnes Bartscherer aus Torgau, das Geheimnis der
Bärensäule zu lüften.
Auch Otto Winkler aus Weidenhain, so kann man lesen,
leistete einen gründlichen Beitrag zur Sache, der
als Examensarbeit für die zweite Lehrerprüfung eine
Chronik von Weidenhain erarbeitete. Er stellte die
Frage: "Ist die Lebensrettung des Kurfürsten durch
den Förster Meißner nur Sage oder Wirklichkeit?"
Alle drei Personen konnten bei ihren tiefgründigen
Recherchen nichts Urkundliches finden, was irgendeine
Auskunft oder Andeutung über das Jagdabenteuer erkennen
ließ. Auch im Jagdbuch des Kurfürsten August, das mit
1533, als dem ersten Jahr seiner Regierung beginnend,
sehr genau jede Beute und Wildbestand buchte, gibt es
keine Eintragung über das Ereignis. Man kam zu der
Vermutung, dass die Säule als Grenzzeichen gesetzt
wurde, um den Torgauer Ratsforst Pretzschau und den
kurfürstlichen Wald zu trennen.
Wilfried Oelschner
Der Stadtschreiber von Torgau hielt die wahre Geschichte
von einst fest
Weidenhain (Torgauer Zeitung). Licht ins Dunkel der
Bärensäulengeschichte brachte eine Eintragung im
Torgauer Ratshandelsbuch des Jahres 1563. Dort steht
geschrieben, dass anstelle der eingestürzten Behr-Eiche
"ein großer Stein mit dem Zeichen der Stadt Torgau, dem
kurfürstlichen Wappen und mit einem eingehauenen Bären
gesetzt wurde". Es handelte sich also nicht um eine
neue Grenzsteinsetzung, sondern um eine altvertraute
Grenze. Die Stadt Torgau besaß die Holzmark Pretzschau
seit 1479, sie war ausführendes Organ dieser Amtshandlung,
woran auch der damalige Torgauer Bürgermeister Georg
Weinbehr teilnahm. Die Säule steht zudem unmittelbar
an der Grenze auf dem Boden der ehemaligen Holzmark
Pretzschau
Dem damaligen Stadtschreiber der Stadt Torgau haben wir
es zu verdanken, dass wir Kunde davon haben, was sich
vor Jahrhunderten an besagter Stelle im Walde zugetragen
hat. Folgendes schrieb nun der Stadtschreiber in das
Ratshandelsbuch: "Zu gedenken: Dienstags nach Spiritus
Domini 1563 ist an der eingefallenen behr Eiche zu
Weidenhain ein großer hoher Reinstein gesatzt, dorein
eine Eiche gehauen mit einem Behren, zusamt dem
Grenzzeichen der Stadt Torgau gemacht uf der einen
Seiten, uf der andern Seiten aber unseres gnädigsten
Herren Wappen. Und sind von Rats wegen dorbei gewest
Bürgermeister Georg Weinbehr, Johann Hoppe und Erasmus
Nietzsch, Stadtschreiber, zusamt Wolfen den Ausreutter.
Uf unseres gnedigsten Herren Teil aber Egidius Schmidt,
Oberforstmeister zu Weidenhain Zacharias und Thomas
die Meißner Gebrudern Forster und David Schults,
Hegereuter zu Muckrene und nachfolgend Pauern haben
den Reinstein setzen und aufrichten
helfen, nemlich: Andres Moller, des Rates Holzforster"
Der Stadtschreiber machte keinen Punkt, er wollte
sicherlich die Namen der anderen Dörfler noch einschreiben.
Aber warum es nicht dazu kam, bleibt unbeantwortet.
Lehrer Max Küstner und Studienrätin Bartscherer
korrespondierten miteinander. Sie kamen zum Abschluss
der Geschichte zu folgendem Resümee: "Der Schleier ist
jetzt gelüftet. Die Geschichte mit dem Bären ist lange
vor dem Jahre 1562 passiert. An sie erinnerte eine
alte Eiche, an deren Stelle 1562 die jetzige
Sandsteinsäule errichtet worden ist. Bären hat es
zurzeit des Kurfürsten August in unseren Wäldern
überhaupt nicht mehr gegeben." Die Sage von der
Bärensäule wird von Generation zu Generation weiterleben.
Die Erhaltung der Säule ist und bleibt eine historische
Aufgabe der Heimatgeschichte. Wilfried Oelschner
(Quellen: Eine heimatgeschichtliche Studie zur Bärensäule
zu Weidenhain von Pfarrer Werner Schumann, zuständig
für Süptitz, Großwig und Weidenhain von 1955 bis 1971,
Ratshandelsbuch der Stadt Torgau von
1563 H 697 Stadtarchiv Torgau)
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