Die Erstschrift bei Abriss auf dem Dachboden gefunden

Weidenhain (TZ 24.02.2012).  Beim Abriss der ehemaligen Gaststätte Winkler in Weidenhain, meinem Elternhaus, vor drei Jahren entdeckte ich auf dem Dachboden zahlreiche Dokumente aus der Studienzeit meines Onkels Otto Winkler. Sie waren in Kisten verpackt. Vor circa vierzig Jahren ging die erste Chronik von Weidenhain verloren. Das heißt, sie wurde ausgeliehen und nicht wieder zurückgebracht. Es war eine Semesterarbeit vom Jahrgang 1937 des Studenten Otto Winkler aus Weidenhain, der an der Hochschule für Lehrerbildung Frankfurt (Oder) studierte. Die Erstschrift befand sich unter den eingangs erwähnten Dachboden-Funden.

In seinem letzten Brief, den er am 3. März 1945 von der Front an seine Eltern schrieb, gab er folgende Hinweise zur anstehenden Fluchtvorbereitung: „Auf dem großen Wagen stehen die Koffer mit den wichtigsten Sachen, darunter meine Zeugnisse, mein Fotoalbum, der in Berlin gedrehte Film, meine Semesterarbeit über die Geschichte Weidenhains, die Papiere über das Besitzrecht des Grundstücks und die nötigsten Kleidungsstücke für Euch und für mich. So dass Ihr also, wenn der Russe bereits die Elbe überschritten hat, die Koffer einfach nur auf den Hinterlader umzuladen braucht, um so schneller wegzukommen.“

Weidenhain und seine Semesterarbeit hat er nie mehr gesehen, denn er starb durch einen amerikanischen Granatsplitter am 12. April 1945  bei Dannenberg in der Lüneburger Heide. Da im Internet mehrere Hinweise auf diese wissenschaftliche Arbeit durch die Gemeinde Dreiheide und am 25. 4 .2008 auch unter Torgau von René Vetter zum Thema: „Grenzstein oder Denkmal“ zu finden sind, wurden von mehreren Seiten Anfragen zur Einsichtnahme in diese Arbeit gestellt. Im Vorwort seiner Semesterarbeit steht geschrieben: „Es ist unmöglich, im Rahmen einer Semesterarbeit ein vollständiges Bild von der Geschichte eines Ortes zu bringen. Ich habe mich damit begnügen müssen, ein Teilbild zu entwerfen. In den Tagen, in denen ich im Preußischen Staatsarchiv in Magdeburg arbeitete, habe ich erfahren müssen, welche ungeheure Arbeit dazu gehört, die Geschichte eines Ortes aus den dicken Aktenbänden herauszuklauben. Die unschätzbaren Werte, die gerade für die Geschichte meines Heimatortes dort ruhen, werden für mich ein Ansporn zu einer gründlicheren Vertiefung sein.“

Dass Otto Winkler 1937 eine gründliche Forschung betrieben hatte, findet man im Kapitel VI bestätigt. Hier stehen unter anderem die Jahreszahlen der Gründung oder Ersterwähnung vieler Orte unserer Umgebung. „Es finden sich bei uns die Burgwarte Dommitzsch 979, Elsnig 979, Süptitz 1004, Torgau 973 und Grodisti 1004, (höchstwahrscheinlich Roitzsch).“
Weiterhin ist zu lesen, dass die Dörfer Taura, Staupitz, Schilderhain, Probsthain, Falkenhain, Tammhain, Kobershain (1204), Wildschütz und Schöna (1201) gegründet wurden. Im März 2004 fanden Mitglieder des Süptitzer Heimatvereins im Landeshauptarchiv Sachsen-Anhalt in Magdeburg die Ersterwähnungsurkunde ihres Dorfes Süptitz vom 13. November 1004. Dieser Fund bestätigt auch, dass die Angaben in der Arbeit von Otto Winkler richtig sind.
Zur Gründung Weidenhains gab er die Zeit um 1200 an, da in dieser Zeit die Orte mit der Endung -hain entstanden sind. „Nach den Weideflächen mag das neue Dorf benannt sein, hatte doch noch im 16. Jahrhundert der Kurfürst von Sachsen große Wiesenflächen, die Schaf- und Bockswiesen, in Weidenhain. Die Endung –hain ist eine Umlautung des Wortes Hagen. Der Hagen, althochdeutsch hagan, ist der Dornstrauch. Danach ist anzunehmen, dass nach den großen Weideflächen, die mit Dornsträuchern umgrenzt waren, der neugegründete Ort Weidenhain genannt wurde.“

Die erste urkundliche Erwähnung von 1346 fand er aber in einem Verzeichnis der Orte, die an den Bischof von Meißen Gelder abführen mussten. Sehr fundamentierte und interessante Abschnitte sind durch seine mehrwöchige Arbeit während der Semesterferien in den sächsischen- und preußischen Staatsarchiven sowie im Torgauer Rathaus in folgenden Kapiteln niedergeschrieben: Im Kapitel XI – Jagdgäste in Weidenhain – steht geschrieben: „Im Jahre 1536 weilten zu Peter und Paul der Kurfürst Johann Friedrich und sein Gast Fürst Wolf von Anhalt in Weidenhain. Man speiste aus der mitgeführten Hofküche sogar kleine Vögel (Finken und Zeisige). Jedes der 110 Pferde erhielt als tägliche Ration ein Drittel Scheffel Hafer.“    Im Kapitel XIII – Die Jagdverhältnisse von der Zeit des Kurfürsten August bis zum Dreißigjährigen Krieg – steht geschrieben: „Der eigentliche Schauplatz der Hofjagd war ein zum Abfangen des Wildes hergestellter Platz in der Nähe des Parker Schlosses“ und „Kurfürst August hat 1584 im Dietzengrund bei Weidenhain  seinen stärksten Hirsch geschossen. Er wog 725 Pfd. Das Geweih hängt im Jagdschloss zu Moritzburg bei Dresden.“

Auch Johann Georg I. war ein leidenschaftlicher Jäger. An ihn erinnert der südlich von Weidenhain liegende Waldweg, der Johann-Georgen-Flügel. Im XIII. Kapitel  befasste er sich mit der Bärensäule und stellt die Frage, ist es Wahrheit oder Sage? In den letzten Sätzen dieses Kapitels hatte Otto Winkler geschrieben: „Dass sich an der Bäreneiche ein Jagdabenteuer abgespielt hat, ist sehr wahrscheinlich. Nur wird es bedeutend früher als 1562 gewesen sein. Die Sage wird Zeiten und Personen verwechselt haben.“
Weitere Kapitel sind die geschichtliche Vergangenheit, Landschaft und Lage des Ortes, Zeugen der Stein- und Bronzezeit, die Germanen, die Sorben in dem Gebiet zwischen Mulde und Elbe, die wüsten Marken um Weidenhain, das Amtsvorwerk, das Jagdschloss, die Rechtssprechung, Frondienste, Heerfahrtsdienste, Steuern, Besitzverhältnisse und das kirchliche Leben im 16. Jahrhundert.

Zurzeit werden die vergilbten Blätter dieser Arbeit korrigiert, neu abgeschrieben, gebunden und danach geschichtsinteressierten Bürgern und Vereinen sowie der Bücherei der Stadt Torgau zur Verfügung gestellt. Es ist nur schade, dass der genaue Titel mit Ausführungsdatum und das Literaturverzeichnis fehlen, denn das Originaldokument wäre eine echte Bereicherung zur anstehenden Feier „800 Jahre Weidenhain/ 450 Jahre Sage der Bärensäule“ in diesem Jahr gewesen.

Wolfgang Winkler